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Lätare, 14.03.2021

Von Pfarrer i. R. Andreas Schiel

Predigtgedanken zu Johannes 12, 20 – 26 

Liebe Gemeinde, können Sie sich noch an den Kirchentag 2017 erinnern? Bestimmt! Was war da alles in der Gropiusstadt los! Von Donnerstag bis Sonntag waren diese Kirche und die Martin-Luther-King-Kirche voller interessierter, begeisterter Menschen: beim Gottesdienst mit dem Gebärdenchor, beim Feierabendmahl, beim Dunkelgottesdienst und beim Abschluss hier am Sonntag. Und danach blieben wir noch zusammen und feierten hier draußen vor dem Zentrum oder vor der Martin-Luther-King-Kirche weiter. Kirchentagsstimmung in der Gropiusstadt! Das kann man sich nach einem Jahr Corona kaum noch vorstellen. 
    
Versuchen Sie trotzdem, sich noch einmal in diese Stimmung hineinzuversetzen. Denn der Text, den wir eben gehört haben, atmet diese Stimmung. Es ist Passah. Zehntausende strömen aus dem In- und Ausland nach Jerusalem. Unter den Pilgern sind Griechen, die sich für das Judentum interessieren. Natürlich wollen sie die Attraktionen des Festes sehen – ähnlich wie die Besucher der Kirchentage, die immer dorthin strömen, wo diejenigen reden, die gerade „in“ sind. Beim Kirchentag 2017 war es übrigens Barack Obama vor dem Brandenburger Tor. Die Attraktion auf dem Fest ist Jesus, der Wunderheiler. Sogar einen Toten soll er auferweckt haben. Viele sehen in ihm den erhofften Retter Israels. 

Kein Wunder dass ihn alle sehen wollen, auch die Griechen. Schließlich wollen sie zu Hause sagen können, sie hätten den berühmten Jesus von Nazareth getroffen. Heute würden sie ein Selfie mit Jesus machen. Aber ob es ein Selfie mit Barack Obama oder George Clooney oder Jesus ist, ist im Grunde egal. Hauptsache etwas vom Ruhm, vom Glamour des Stars strahlt auf sie ab. Deshalb der Versuch, über Philippus an Jesus heranzukommen.
    
Aber was antwortet Jesus darauf? Die ganze Herrlichkeit, der Glamour, der euch Menschen beeindruckt, weshalb ihr mir nachlauft und auf neue Wunder wartet, das zählt nicht. Eure Maßstäbe von Ruhm und Herrlichkeit und Gottes Maßstäbe stimmen nicht überein. Euer Versuch, euch im Glanz eines Stars zu sonnen, bringt euch dem wahren Leben nicht näher, sondern führt zum falschen Leben, zum geborgten und nicht zum echten Glanz, führt nicht zur Herrlichkeit Gottes.
    
Wahres Leben, auf dem göttlicher Glanz und nicht irdischer Glamour liegt, ist ein Leben, das sich verschenkt und Vielen Anteil am Leben gibt. Wahres Leben ist nicht schöner Schein, der im Grunde hohl ist. Es rafft nicht, will nicht immer mehr für sich haben. Es will teilen, will abgeben und nicht horten. Ein solches Leben trägt göttlichen Glanz in sich, auch wenn man ihn von außen nicht erkennen kann, weil es eben nicht der  „Glamour“ eines Filmstars ist, den die Medien ständig in das gleißende Licht ihrer Kameras tauchen.

Ein Leben, das abgibt, das teilhaben lässt, ist Leben im Dienst für andere, für die Gemeinschaft. Und so gibt Jesus seinen Jünger*innen im Johannes-Evangelium auch nur ein einziges Gebot: Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. Seid füreinander da, so wie ich für euch da bin. Teilt euer Leben miteinander. Sucht nicht das, was dem/der Einzelnen nützt, sondern allen. Sie merken, aus diesem einen Gebot lässt sich alles andere ableiten. Aber es hat auch seine Konsequenzen: Jesu Liebe führt ihn in den Tod – ja, sie findet erst in seinem Tod die Erfüllung. Da erst wird Jesus „verherrlicht“ und erhält göttlichen Glanz.

Deshalb lässt er sich nicht von den Griechen sehen, die ihn zwar bewundern mögen, ihn aber nicht verstehen, weil sie dem falschen Glanz, dem Glamour nachjagen. Stattdessen ruft Jesus dazu auf, ihm nachzufolgen und so zu leben, wie er es vorlebt. Wer dies tut, auf den wird etwas vom göttlichen Glanz fallen, der ungleich wertvoller ist als der Ruhm dieser Welt.
    
Aber ist das, was Jesus fordert, nicht weltfremd und viel zu rigoros? Auch auf diese Frage geht Jesus ein. Er tut es jedoch nicht direkt, sondern in einem Vergleich: Wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wenn das Korn in der Scheune, im Getreidesilo bleibt, dann erfüllt es seinen Zweck nicht. Und wenn es zu lange und falsch gelagert wird, dann verdirbt es. Nein, es muss als Saatgut in die Erde, muss dort Sonne und Regen bekommen, Nährstoffe aus dem Boden ziehen. Es muss treiben können: einen Halm, eine Ähre, neue Körner in der Ähre. Es muss geerntet und gedroschen werden. Und wenn das Feld nach der Ernte umgepflügt wird, ist vom ursprünglichen Korn nichts mehr zu finden. Es ist nicht mehr da, es ist gestorben, wie es im Text heißt. Und es ist eben doch noch da, vielfach neu in den geernteten Körnern, die zu Mehl gemahlen und im Brot verbacken werden. Und jetzt, wenn es uns satt macht, wenn es uns nährt, wenn unser Hunger gestillt wird, erfüllt es seinen Zweck.
    
Im sich-Verschenken, im Aufgehen als Brot nährt uns das Korn, bringt es viel Frucht. Aber gleichzeitig behält es seine Eigenart – etwa im Geschmack oder der Konsistenz des Brotes. Es ist eben doch nicht weg, auch wenn das ursprüngliche Korn nicht mehr vorhanden ist. Aber die Eigenheit, der Geschmack ist noch da. So ist das mit dem Korn. 
    
So ist das auch mit meinem Leben, sagt Jesus. So ist es mit allem Leben, auf dem Gottes Glanz liegt. Es geht in anderen auf und bewahrt doch seine unverwechselbare Eigenart. Es bringt viel Frucht – zwar nicht auf dem eigenen Bankkonto aber im Leben anderer. So wirkt es noch lange nach dem eigentlichen Tod fort, wenn der Glamour und die Lichter der Kameras längst erloschen sind. Es wirkt fort in den Menschen, die sich davon anstecken lassen und nach ihren Kräften versuchen, Jesus nachzufolgen und Leben verbreiten, das anderen dient und hilft. Uns allen, die wir das versuchen, gilt Jesu Zusage: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. Frucht, die weiter wirkt und neue Früchte zieht.
Amen.