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Reminiszere, 28.02.2021

Von Pfarrer i. R. Thomas Spiegelberg

Predigtgedanken zu Jesaja 5,1-7 (Weinberglied)

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.
Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?
Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.
Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Das Weinberglied des Jesaja zeigt einen Weg auf, mit dem Zorn umzugehen.
Gott soll der Weinbergbesitzer sein. Der, bei dem Fürsorge und Liebe so hart in Zorn und Hass umschlagen.
Zu meinem Gottesbild passt das nicht. Der Anfang der Geschichte schon, wo Gott den Weinberg hegt und pflegt, mit unendlicher Geduld auf die Frucht wartet. Wie schön!
Natürlich weiß ich, dass manche Traube der Schöpfung ungenießbar und missraten ist. Dass Gott mit Zorn darauf reagiert, von diesen Gedanken ist die kirchliche Tradition voll.
Aber soll ich mir Gottes Zorn wirklich so menschlich vorstellen: wütend, hasserfüllt, jähzornig, rachsüchtig? 
Offenbar gab es Leute, die Gott das zugetraut haben: Jesaja, seine Leser und Hörer. Und ich frage mich: Welche Erfahrungen müssen sie dazu gebracht haben, so von Gott zu denken?
Wir müssen nicht gleich an Katastrophen, Krieg und Zerstörung denken – da kann bei manchem der Gedanken aufkommen, dass Gott zürnt. Schauen wir uns nur um in diesen Tagen: 
Gibt es nicht Familien und Existenzen, für die Alles zusammenbricht? Gerade in der Pandemie kann der Gedanke kommen, dass Gottes Liebe in Zorn umgeschlagen ist. Seine Fürsorge in Feindschaft.
Es ist nicht leicht, dazu etwas zu sagen. Aber vielleicht gibt uns das Weinberglied doch eine Hilfe! Eine Unterstützung von Menschen, die Ähnliches erfahren haben.
Ich will für meinen Gott singen:
Ein Lied von meinem Gott und seinem Weinberg. Ich singe für meinen zornigen Gott. Ich diskutiere nicht mit ihm. Ich prüfe nicht, ob sein Verhalten richtig ist. Ob es zu meinem Bild von Gott passt. Frage nicht vorwurfsvoll, was aus seinem liebevollen Einsatz geworden ist. Wer bin ich, dass ich das tun könnte?
Sondern ich singe für ihn. Ich vertraue darauf, dass seine Liebe immer größer ist als sein Zorn. Es können ganz unterschiedliche Lieder sein:
Ich kann ein Klagelied singen, ein trauriges Lied. Und Gott damit zeigen: Ich verstehe deinen Zorn. Ich gebe dir recht. Vergib mir meine Schuld.
Ich kann ein Liebeslied singen. Gott denke daran, wie du mich erwählt hast. Ich setze auf deine Treue. Durch Jesus Christus hast du mir doch sagen lassen, dass deine Liebe zu mir unzerstörbar ist.
Auch ein Protestlied könnte ich singen. Gegen die Mächtigen und Tyrannen dieser Welt. Ich könnte Zorn und Energie in dieses Lied legen. Mich auf Gottes Seite schlagen.
Welche Art von Liedern fallen Ihnen noch ein?

Ich bin kein großer Sänger. Aber singen ist besser als zu hadern. Als verkopfte Erklärungen zu konstruieren. Wir können Gott eh nicht verstehen. Aber wenn ich meinem zornigen Gott singe, kann alles noch gut werden.
Amen