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Letzter Sonntag nach Epiphanias, 31.01.2021

Von Pfarrer Andreas Schiel

Predigt über Matthäus 17, 1 – 8 

Liebe Gemeinde, von oben gesehen ist die Welt übersichtlich, klar, geordnet. Wer mit einem Flugzeug startet, erlebt, wie sich erst die Wiese, die am Fenster vorbeihuscht und deren Blumen und Büsche man eben noch deutlich wahrnehmen konnte, zu einer einheitlichen Fläche verwandelt. Wie dann aus einzelnen Bäumen ein Wald und aus einzelnen Häusern ein Dorf, eine Stadt wird. Die Autos werden immer kleiner, Menschen sind gar nicht mehr zu erkennen. Selbst die Autobahnen schrumpfen, aus großer Höhe betrachtet, zu schmalen grauen Bändern. Einheitlichkeit, Übersichtlichkeit, Klarheit bestimmen das Bild.

Von einem hohen Berg kann der Blick weit schweifen. Mühelos werden Flüsse, Seen, Grenzen überwunden. Nichts stellt sich dem Auge in den Weg. Ein Berg schafft uns Überblick und gleichzeitig Abstand von allem, was unten in der Ebene geschieht. Der Lärm dringt kaum herauf. Die Welt im Tal wird zur Spielzeugwelt. Es scheint, als würden sogar die Sorgen, der alltägliche Stress geringer und die Probleme überschaubarer. Das Gewirr der Gefühle, der Ansichten und Meinungen scheint sich hier oben zu entwirren. Wir können wieder die Richtung erkennen, in der es langgeht.

„Herr, es ist gut, dass wir hier sind“, sagt Petrus zu Jesus oben auf dem Berg. Nicht nur, weil von oben die Landschaft so klar zu erkennen ist, sondern weil das ganze Leben auf einmal klar und einleuchtend für die Jünger wird. Klein ist die Alltagswelt dort unten, klein sind ihre Sorgen. Ihre Zweifel, ob es denn richtig ist, Jesus zu folgen, ihre Frage, wohin der Weg mit ihm führt, sie verschwinden hier oben. Jesus ist verwandelt, erleuchtet. Die Stimme aus der Wolke spricht noch einmal die gleichen Worte wie zu Jesu Taufe: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“, und fügt für die Jünger hinzu, „auf ihn sollt ihr hören.“ Damit ist alles klar. Die Zweifel, die Fragen sind wie weggeweht.

Wenn sie nur diesen Augenblick der Klarheit festhalten könnten... Wenn sie nur für immer hier oben mit Jesus verweilen könnten... mit dem verwandelten – nein, dem sich ihnen in seiner wahren Gestalt als Sohn Gottes offenbarenden – Jesus. Wenn sie nur nicht zurück in die Ebene müssten... Wenn sie sich einrichten könnten in diesem Augenblick, die Jünger wären wunschlos glücklich. „Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen.“

Aber nein, als sie wieder aufblicken, sind Mose und Elia, die Sinnbilder von Gottes Gesetz und Gottes Propheten, die Verkörperungen des jüdischen Glaubens, verschwunden. Und verschwunden sind das Licht und der Glanz. Vor ihnen steht Jesus, der wandernde Rabbi aus Nazareth, der sie wieder hinabführt in die Ebene.

War es also nur ein Traum, der vor der Realität des Alltags zerplatzt wie eine Seifenblase? Bleibt nichts vom Glanz und von Gottes Nähe übrig? Wenn das so wäre, dann hätte Matthäus die Geschichte nie seiner Gemeinde erzählen können. Was bleibt – oder besser: weshalb die Geschichte erzählt wurde – sind zwei wichtige Erfahrungen, die die Jünger in ihrem Leben mit Jesus gemacht haben und die diese Geschichte verdeutlicht: Erstens die Erfahrung, dass die Jünger in Jesu Nähe Gottes Nähe spüren konnten. Wenn sie bei ihm waren, war alles klar und deutlich, so wie wenn man auf einem hohen Berg steht und hinabschaut. Jesus lebte im Einklang mit Gott und mit sich selbst. Und wenn sie ihm folgten, konnten auch die Jünger diesen Einklang in sich fühlen und Gott nahe sein.

Und zweitens die Erfahrung, dass Jesus die Jünger nicht aus dem Alltags in eine weltabgewandte Sphäre entrückte, sondern mit ihnen in die Niederungen des alltäglichen Lebens mitging. Ja, er ging ihnen voran und nahm sie an die Hand. Er blieb nicht oben auf einem Berg, sondern ging hinab auf die Marktplätze, in die Versammlungsräume und Synagogen. Mehr noch: Er stieg hinab in das Reich des Todes, um in den Himmel aufzuerstehen und dem Tod die Macht zu nehmen, die der über unser Leben hat. So sagen wir es im Glaubensbekenntnis. Jesus stieg hinab, um uns Aussicht aufs ewige Leben zu geben.

Wer Jesus folgt, sagt uns die Geschichte, dem wird alles klar. Der weiß, was er im Leben und mit seinem Leben zu tun hat. So wie alles klar und deutlich ist, wenn wir von einem Berg aus die Ebene betrachten. Wer Jesus folgt, der erlebt Stunden, wo er wie entrückt vom Alltag ganz bei Gott und bei sich selbst sein kann. Aber in der Nachfolge Jesu bleiben wir nicht weltfern oben auf dem Berg, sondern finden die Kraft, hinunterzusteigen und im Alltag der Welt unsern Weg zu gehen. Selbst wenn er in Verfolgung, Verlassenheit und Leiden führt. Denn Jesus kommt mit herunter vom Berg und begleitet uns auf der Ebene, wo wir schnell den Überblick verlieren, und die Mühen der Ebene uns belasten. Aber Jesus geht mit. So wie er es versprochen hat: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

In diesen Tagen wünschen wir uns wohl dringend beides, worum es im heutigen Text geht: Wir wünschen uns einmal den Überblick, die Klarheit und Erleuchtung, die die Jünger auf dem Berg erlebten. Wir wollen wissen, wie lange es noch dauert, bis wir alle geimpft sind. Wie lange wir noch unsere Lieben in den Pflegeheimen und Krankenhäusern nicht besuchen dürfen. Wie oft wir noch die bedrückenden Zahlen der Infizierten und besonders der Verstorbenen lesen müssen. Menschen die oft in Einsamkeit sterben mussten, ohne dass wir ihre Hand halten durften. Wir wollen wissen, wann die Corona-Pandemie endlich vorbei ist und wir in das Leben zurückkehren können, dass wir vorher führten. Der Überblick, die Klarheit des Blicks vom Berg hinunter auf die mühevolle, Angst verbreitende Ebene der Corona-Pandemie – und dann darüber hinaus auf die Zeit danach – dieser Blick fehlt uns so sehr. Wenn wir ihn hätten, könnten wir wohl gefasster der kommenden Zeit entgegen sehen. Aber er ist uns nicht gegeben, niemandem auf der Welt. Und so mühen wir uns ab auf der Ebene, stochern im Nebel und werden immer müder und gleichzeitig gereizter.

Und damit sind wir beim Zweiten, was wir aus der Geschichte des Matthäus lernen können: Wir sind nicht oben auf dem Berg, wir sind unten in der Ebene. Aber wir sind nicht allein. Wir sind in der Gemeinschaft untereinander. Und wir haben Gemeinschaft mit Jesus, der nicht oben verklärt, entrückt blieb, sondern mit uns geht. Er hat uns versprochen: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Jesus geht mit uns ins Leiden. Er ist bei denen, die in den Krankenhäusern und Pflegeheimen mit dem Leben ringen. Er ist bei den Ärzt*innen und beim Pflegepersonal, die selbst in großer Gefahr sind, sich anzustecken, und gibt ihnen Kraft. Er ist bei den Familien, für die „Homeschooling“ keine abstrakte Lösung am Verhandlungstisch ist, sondern Tag für Tag harte und mühsame Realität. Er ist bei denen, die allein leben und jetzt die Einsamkeit besonders hart zu spüren bekommen. Jesus berührt uns mit seinem Geist und spricht: „Steht auf und fürchtet euch nicht!“

Amen.